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ür mich ist die Zeit zwischen 1871
und 1914 eine der faszinierendsten Epochen europäischen Kulturschaffens. In wohl kaum einem anderen Zeitraum -
soweit uns dies bekannt ist - waren so viele bedeutende Künstler und Wissenschaftler Zeitgenossen; Künste
und Wissenschaft vollbrachten Quantensprünge der Entwicklung und Entdeckung, schon bevor dieser Begriff durch Max Planck
im Jahre 1900 populär wurde. Einen besonderen Schwerpunkt für mich bildet die Zeit ab etwa 1890, die nicht nur die
Franzosen als Belle Epoque bezeichnen - das Problem der Datierung wird im entsprechenden Teil behandelt. Als hilfreicher roter Faden
dient eine chronologische Synopse, die wichtige Ereignisse aus Geschichte, Wissenschaft und Kultur abbildet, jedoch keinen Anspruch
auf Vollständigkeit erhebt.
ls ich vor vielen Jahre diese Webseite
begann, wollte ich viele der zahlreichen Facetten dieser Zeit illustrieren. Wegen der vielfältigen gesetzlichen Regelungen
erwies sich dieses Vorhaben als recht schwierig; andererseits gibt es zu vielen Themen der Belle Epoque bereits andere informative
Webseiten. Daher habe ich beschlossen, mich im Wesentlichen auf die Architektur jener Zeit und die sie begleitenden bildenden Künste
zu beschränken. Der von mir sehr geschätzte Jugendstil findet dabei besondere Beachtung.
rgänzungen, Hinweise,
Anregungen, Ideen und Korrekturen sind jederzeit willkommen. Ich danke Dao Gottwald, design noir,
der das JavaScript-Programm zur Präsentation der Fotos geschrieben und freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
"Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt,
auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur 'besten aller Welten' zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die
früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die
Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur
eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig
überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen 'Fortschritt'
hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen 'Fortschritt'
schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die
täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu
Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den
Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte
trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon
konnte dank des Telephons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen
Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum.
Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr mußte das Wasser
vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene
verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder,
seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige,
Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht,
dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem
Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der
Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren
Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu
verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder
und sogar glücklicher zu gestalten - was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner
eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand?
An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig
wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die
unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen
zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame
Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt
sein."
Stefan Zweig 1941 in: Die Welt von gestern - Erinnerungen eines
Europäers, S. Fischer Verlag, 2001
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