Deutschland

Hessen: Offenbach

Wer durch die innenstadtnahen Bezirke Offenbachs spaziert, wird feststellen, dass noch heute auf relativ engem Raum eine Vielzahl gut bürgerlicher Wohnhäuser der Jahrhundertwende zu finden ist, die sich trotz aller Abbruchbestrebungen, Modernisierungsbemühungen und zweier Weltkriege (die Stadt wurde nach Angaben der Stadtverwaltung im Zweiten Weltkrieg "nur" zu 36 % zerstört) erhalten haben.

Goethestraße 59 (1906/07)

Zur Zeit der Belle Epoque besaß die Stadt einen verhältnismäßig großen Anteil an Bürgern der gehobenen Mittelschicht. Der wirtschaftliche Aufschwung, den ganz Deutschland in der Folge des Sieges über Frankreich und der Gründung des Kaiserreichs erlebte, entfaltete sich in der jungen Fabrikstadt besonders stark und schlug sich in einem relativ hohen Bestand an gut bürgerlichen Wohnhäusern nieder.

Wilhelm Herber: Berliner Straße 239/241 (1903)

Bis zum 19. Jahrhundert wurden Konsumgüter und Bauwerke handwerklich hergestellt und waren im Allgemeinen nur für den Adel und die wenigen Großbürger erschwinglich. Durch die Industrialisierung entstanden nunmehr Fabriken und Unternehmen mit vielen Mitarbeitern, die nicht mehr für Einzelbestellungen, sondern in Massen produzierten. Die Konkurrenz wurde größer und verursachte niedrigere Preise sowie eine höhere Warenqualität.

Um die Jahrhundertwende zeigten sich erste Sättigungstendenzen, so dass neue, modische Formen neue Marktanreize schaffen mussten für die kaufkräftige Zielgruppe des Bürgertums ebenso wie bei der industriellen Billigproduktion für Kleinbürger und Arbeiter. Innerhalb kürzester Zeit wurden auf allen Ebenen Güter im gerade neu aufgekommenen Jugendstil produziert. Für die Verbreitung dieser neuen Kunstrichtung, welche nahezu gleichzeitig in Wien, Paris, Brüssel oder Glasgow populär wurde, sorgten in Deutschland vor allen Dingen Printmedien wie die seit 1896 in München erscheinende Jugend (die gleichzeitig zum Namensgeber des Stils wurde) oder, gerade im südhessischen und damit Offenbacher Raum, die Zeitschriften Innendekoration und Deutsche Kunst und Dekoration des Darmstädter Verlegers Alexander Koch.

Kaiserstraße 65

Außerdem standen sowohl der Offenbacher Ortsverein des Hessischen Landesgewerbevereins als auch die Kunstgewerbeschule Offenbach in engem Kontakt mit der Großherzoglichen Centralstelle für das Gewerbe in Darmstadt, einer der deutschen Jugendstil-Hochburgen. Für das heimische Kunsthandwerk wurden in Darmstadt unter Teilnahme Offenbacher Künstler und Lehrer der Kunstgewerbeschule Vorträge und Ausstellungen veranstaltet.

Karl Steuerwald: Luisenstraße 5 (1902/03)

Der Offenbacher Fabrikant Klingspor (Rudhard'sche Schriftgießerei) gehörte zu den ersten hessischen Fabrikanten, die Aufträge an die Mitglieder der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe vergaben. Einer der frühesten privaten Aufträge an Künstler der Mathildenhöhe war das Treppenhaus von Patriz Huber in der Tulpenhofstraße 52, eines der letzten großen Raumensembles des frühen Darmstädter Jugendstils, welches an seinem ursprünglichen Ort erhalten blieb, während in Darmstadt vergleichbare Raumkunstwerke im Zweiten Weltkrieg zerstört worden sind.

Quelle u.a.: Christina Uslular-Thiele, Darmstadt, in: Gutbürgerliches Wohnen in Offenbach um 1900 - Architektur, Einrichtung, Gebrauchsgegenstände. Ausstellungskatalog der Ausstellung im Stadtmuseum Offenbach 26.11.87-01.05.88.